Ulrich Eckhardt 28. Mai 1932 – 30. Dezember 2025


Die traurige Nachricht von Ulrichs Tod hat uns alle, die das Privileg hatten, mit ihm zusammenzuarbeiten und sein Genie zu erleben, tief getroffen. Kent Nagano


Berlin als Fest und Spiel

Er leitete fast drei Jahrzehnte lang die Berliner Festspiele, vermittelte zwischen Ost und West, war ein führender Kopf der Kultur.

Es mag seltsam klingen, aber West-Berlin wirkte damals größer. Es herrschte eine Art Treibhausklima, Kultur hatte einen herausgehobenen Stellenwert, und das galt für Punk und Neue Wilde ebenso wie für die höheren Weihen. Ästhetik und Politik, das war in der Kultur der siebziger und achtziger Jahre und noch eine Zeit lang über die Wende hinaus kein Widerspruch. Ulrich Eckhardt stand mittendrin, war vorneweg, eine der bestimmenden Figuren damals. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

Eckhardt, gebürtig aus Rheine in Westfalen, war Jurist und besaß eine Ausbildung im Klavierspiel und Dirigieren. Und das verband er virtuos. Von 1973 bis Ende 2000 war er Intendant der Berliner Festspiele. Eckhardt hat sie geprägt. Matthias Pees, der die Institution seit 2022 leitet, sagte zum Tod seines legendären Vorgängers: „Ulrich Eckhardt hat nicht nur kulturpolitische Stadtgeschichte geschrieben, sondern für ganz Deutschland wie international richtungsweisende, mutige künstlerische Programme entworfen und gesellschaftlich relevante Themen gesetzt. Er war ein genialer Netzwerker.“ 

Brücke nach Osten

Musik war seine Leidenschaft. Unter seiner Ägide entwickelten sich die Festwochen im September zu einem international bedeutenden Festival, da fehlte kaum ein berühmtes Orchester; jetzt heißt es Musikfest. Er setzte zugleich kulturhistorische Schwerpunkte wie die Preußen-Ausstellung 1981 im Gropius-Bau; ein Politikum seinerzeit. Eckhardt unterhielt Kontakte nach Ost-Berlin und darüber hinaus. Kultur war die Brücke. Man erinnert sich an Gastspiele aus Polen und der Sowjetunion in West-Berlin, mit Größen wie Andrzej Wajda und Anatolij Wassiljew. Aus heutiger Sicht, in der bedrückenden aktuellen Weltlage, wirkt da vieles wie Utopie.

Eckhardt galt als der Zeremonienmeister der Stadt im Westteil. Er organisierte die 750-Jahr-Feier und viele andere offizielle Veranstaltungen. Theatertreffen, Jazzfest und andere Festivals gehören zum traditionellen Angebot der Berliner Festspiele …

Lange Zeit residierte Eckhardt in einem Büro im Bikinihaus in der Budapester Straße, bei der Gedächtniskirche. Besuche beim Intendanten der Berliner Festspiele hatten etwas von einer Audienz. Und wie auch anders: Eckhardt hat etliche Kultursenatoren und Regierende Bürgermeister im Amt erlebt, ein Grandseigneur in einer Stadt, in der die politischen Talente fast immer importiert wurden. Er schien den meisten überlegen. …

Motor für Neues

Es war Eckhardts Idee, der Topographie des Terrors den Platz am Gropius Bau zu sichern, etwas, das bleibt. Lange Jahre war er auch für die Filmfestspiele zuständig. Er besaß eine kulturpolitische Machtfülle, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Er übte sie still und druckvoll aus, mit diplomatischem Geschick. 1989/90 fungierte er als Interimsintendant der Berliner Philharmoniker und begleitete die Berufung Claudio Abbados zum Chefdirigenten.

Ob Meta-Musik oder Schülertheatertreffen, Berliner Lektionen oder Horizonte – Festival der Weltkulturen: Die Berliner Festspiele funktionierten wie ein Innovationsmotor. Das ist vor allem auch Eckhardts Mitarbeitern zu verdanken, die sich mit ihren Ideen und Visionen in dem vergleichsweise kleinen Betrieb durchsetzen konnten. …

Es war bis zuletzt die Musik, die ihn antrieb. Er spielte die Orgel in der Jesus-Christus- und St.-Annen-Kirche in Berlin-Dahlem. Historische Instrumente in den Kirchen im Umland begeisterten ihn. Die Orgel, das war auch im kulturpolitischen Sinn sein Metier. Ohne Übertreibung kann man sagen: Er hat sämtliche Register gezogen.

Rüdiger Schaper, Der Tagesspiegel 


Am 4. Januar 2026 fand in der Kapelle „Der heilende Brunnen“ zu St. Ulrich im Schwarzwald (unterhalb der Barockkirche St. Ulrich) ein kurzes Memorial statt, bei dem Einspielungen von Ulrich Eckhardt erklangen, u.a. eine Toccata von Claudio Merulo.

Ulrich Eckhardt ist in Freiburg aufgewachsen (in der Gartenstraße) und hat dort als Kind einen Teil des Krieges miterleben müssen. Wir fuhren bisweilen gemeinsam nach St. Ulrich. An der Kapelle „Der heilende Brunnen“ angelangt erzählte er mir, seine Mutter habe ihn als kleinen Knaben in diese Brunnenkapelle geführt und seine Augen mit dem Brunnenwasser genetzt. Es galt und gilt dort die Sage, daß die Benetzung der Augen mit diesem Wasser ein lebenlanges, gesundes Augenlicht verspricht. 

Ausserdem spielte Ulrich Eckhardt für uns in der Barockkirche zu St.Ulrich, die er oft besuchte, einst ein komplettes Merulo-Programm auf der Orgel – Merulo war hierzulande bis dato kaum bekannt.

Dirk Nabering


Was Kultur kann – und soll

Über Mauern geschaut



Foto oben: Bernd Krüger